| |
und streckte sich von seinem Sitz aus bittend K. entgegen. "Sie wollten mir noch ein
Geheimnis sagen." "Wahrhaftig", sagte K. und streifte auch Leni, die ihn aufmerksam ansah,
mit einem Blick, "also hören Sie: es ist allerdings fast kein Geheimnis mehr. Ich gehe jetzt
zum Advokaten, um ihn zu entlassen." "Er entläßt ihn!" rief der Kaufmann, sprang vom
Sessel und lief mit erhobenen Armen in der Küche umher. Immer wieder rief er: "Er entläßt
den Advokaten!" Leni wollte gleich auf K. losfahren, aber der Kaufmann kam ihr in den Weg,
wofür sie ihm mit den Fäusten einen Hieb gab. Noch mit den zu Fä usten geballten Händen
lief sie dann hinter K., der aber einen großen Vorsprung hatte. Er wa r schon in das Zimmer
des Advokaten eingetreten, als ihn Leni einholte. Die Tür hatte er hinter sich fast
geschlossen, aber Leni, die mit dem Fuß den Türflügel offenhielt, faßte ihn beim Arm und
wollte ihn zurückziehen. Aber er drückte ihr Handgelenk so stark, daß sie unter einem
Seufzer ihn loslassen mußte. Ins Zimmer einzutreten, wagte sie nicht gleich, K. aber
versperrte die Tür mit dem Schlüssel.
"Ich warte schon sehr lange auf Sie", sagte der Advokat vom Bett a us, legte ein
Schriftstück, das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte, auf das Nachttischchen und setzte
sich eine Brille auf, mit der er K. scharf ansah. Statt sich zu entschuldigen, sagte K.: "Ich
gehe bald wieder weg." Der Advokat hatte K.s Bemerkung, weil sie kein e Entschuldigung
war, unbeachtet gelassen und sagte: "Ich werde Sie nächstens zu dieser späten Stunde nicht
mehr vorlassen." "Das kommt meinem Anliegen entgegen", sagte K. Der Advokat sah ihn
fragend an. "Setzen Sie sich", sagte er. "Weil Sie es wünschen", sagte K., zog einen Sessel
zum Nachttischchen und setzte sich. "Es schien mir, daß Sie die Tür abgesperrt haben",
sagte der Advokat. "Ja", sagte K., "es war Lenis wegen." Er hatte nicht die Absicht, irgend
jemanden zu schonen. Aber der Advokat fragte: "War sie wieder zudringlich?"
"Zudringlich?" fragte K. "Ja", sagte der Advokat, er lachte dabei, bekam einen Hustenanfall
und begann, nachdem dieser vergangen war, wieder zu lachen. "Sie haben doch wohl ihre
Zudringlichkeit schon bemerkt?" fragte er und klopfte
das Nachttischchen gestützt hatte und die er jetzt rasch zurückzog. "Sie legen dem nicht viel
Bedeutung bei", sagte der Advokat, als K. schwieg, "desto besser. Sonst hätte ich mich
vielleicht bei Ihnen entschuldigen müssen. Es ist eine Sonderbarkeit Lenis, die ich ihr
übrigens längst verziehen habe und von der ich auch nicht reden wü rde, wenn Sie nicht eben
jetzt die Tür abgesperrt hätten. Diese Sonderbarkeit, Ihnen allerdings müßte ich sie wohl am
wenigsten erklären, aber Sie sehen mich so bestürzt an und deshalb tue ich es, diese
Sonderbarkeit besteht darin, daß Leni die meisten Angeklagten schön findet. Sie hängt sich
an alle, liebt alle, scheint allerdings auch von allen geliebt zu werden; um mich zu unterhalten,
erzählt sie mir dann, wenn ich es erlaube, manchmal davon. Ich bin über das Ganze nicht so
erstaunt, wie Sie es zu sein scheinen. Wenn man den richtigen Blick dafür hat, findet man die
Angeklagten wirklich oft schön. Das allerdings ist eine merkwürdig e, gewissermaßen
naturwissenschaftliche Erscheinung. Es tritt natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine
deutliche, genau zu bestimmende Veränderung des Aussehens ein. Es ist doch nicht wie bei
anderen Gerichtssachen, die meisten bleiben in ihrer gewöhnlichen Leb ensweise und
werden, wenn sie einen guten Advokaten haben, der für sie sorgt, durc h den Prozeß nicht
behindert. Trotzdem sind diejenigen, welche darin Erfahrung haben, imstande, aus der
größten Menge die Angeklagten, Mann für Mann, zu erkennen. Woran? werden Sie fragen.
Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen. Die Angeklagten sind eben die Schönsten. Es kann
nicht die Schuld sein, die sie schön macht, denn so muß wenig stens ich als Advokat
sprechen es sind doch nicht alle schuldig, es kann auch nicht die richtige Strafe sein, die sie
jetzt schon schön macht, denn es werden doch nicht alle bestraft, es kann also nur an dem
gegen sie erhobenen Verfahren liegen, das ihnen irgendwie anhaftet. Allerdings gibt es unter
|  |
|
| |
|
|