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K. "Warum fragen Sie danach?" sagte der Kaufmann ärgerlich. "Sie scheinen die Leute dort
noch nicht zu kennen und werden es vielleicht unrichtig auffassen. Sie m üssen bedenken,
daß in diesem Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für die der
Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und abgelenkt für vieles, und zum
Ersatz verlegt man sich auf den Aberglauben. Ich rede von den anderen, bin aber selbst gar
nicht besser. Ein solcher Aberglaube ist es zum Beispiel, daß viele aus dem Gesicht des
Angeklagten, insbesondere aus der Zeichnung der Lippen, den Ausgang des Prozesses
erkennen wollen. Diese Leute also haben behauptet, Sie würden, nach Ihren Lippen zu
schließen, gewiß und bald verurteilt werden. Ich wiederhole, es ist ein lächerlicher Aberglaube
und in den meisten Fällen durch die Tatsachen auch vollständig widerlegt, aber wenn man in
jener Gesellschaft lebt, ist es schwer, sich solchen Meinungen zu entziehen. Denken Sie nur,
wie stark dieser Aberglaube wirken kann. Sie haben doch einen dort angesprochen, nicht? Er
konnte Ihnen aber kaum antworten. Es gibt natürlich viele Gründe, um dort verwirrt zu sein,
aber einer davon war auch der Anblick Ihrer Lippen. Er hat später erzählt, er hätte auf Ihren
Lippen auch das Zeichen seiner eigenen Verurteilung zu sehen geglaubt." "Meine Lippen?"
fragte K., zog einen Taschenspiegel hervor und sah sich an. "Ich kann an meinen Lippen
nichts Besonderes erkennen. Und Sie?" "Ich auch nicht", sagte der Kaufmann, "ganz und
gar nicht." "Wie abergläubisch diese Leute sind!" rief K. aus. "Sagte ich es nicht?" fragte
der Kaufmann. "Verkehren sie denn soviel unt
aus?" sagte K. "Ich habe mich bisher ganz abseits gehalten." "Im allgemeinen verkehren sie
nicht miteinander", sagte der Kaufmann, "das wäre nicht möglich, es sind ja so viele. Es gibt
auch wenig gemeinsame Interessen. Wenn manchmal in einer Gruppe der Glaube an ein
gemeinsames Interesse auftaucht, so erweist er sich bald als ein Irrtum. Gemeinsam läßt sich
gegen das Gericht nichts durchsetzen. Jeder Fall wird für sich unters ucht, es ist ja das
sorgfältigste Gericht. Gemeinsam kann man al
erreicht manchmal etwas im geheimen; erst wenn es erreicht ist, erfahren es die anderen;
keiner weiß, wie es geschehen ist. Es gibt also keine Gemeinsamkeit, man kommt zwar hie
und da in den Wartezimmern zusammen, aber dort wird wenig besprochen. Di e
abergläubischen Meinungen bestehen schon seit alters her und vermehre n sich förmlich von
selbst." "Ich sah die Herren dort im Wartezimmer", sagte K., "ihr Warten kam mir so nutzlos
vor." "Das Warten ist nicht nutzlos", sagte der Kaufmann, "nutzlos ist nur das selbständige
Eingreifen. Ich sagte schon, daß ich jetzt außer diesem noch fünf Advokaten habe. Man sollte
doch glauben ich selbst glaubte es zuerst , jetzt könnte ich ihnen die Sache vollständig
überlassen. Das wäre aber ganz falsch. Ich kann sie ihnen weniger überlassen, als wenn ich
nur einen hätte. Sie verstehen das wohl nicht?" "Nein", sagte K. und legte, um den
Kaufmann an seinem allzu schnellen Reden zu hindern, die Hand beruhigend auf seine Hand,
"ich möchte Sie nur bitten, ein wenig langsamer zu reden, es sind doch lauter für mich sehr
wichtige Dinge, und ich kann Ihnen nicht recht folgen." "Gut, daß Sie mich daran erinnern",
sagte der Kaufmann, "Sie sind ja ein Neuer, ein Junger. Ihr Prozeß ist ein halbes Jahr alt,
nicht wahr? Ja, ich habe davon gehört. Ein so junger Prozeß! Ich a ber habe diese Dinge
schon unzähligemal durchgedacht, sie sind mir das Selbstverständlichste auf der Welt." "Sie
sind wohl froh, daß Ihr Prozeß schon so weit fortgeschritten ist?" fragte K., er wollte nicht
geradezu fragen, wie die Angelegenheiten des Kaufmanns stünden. Er bekam aber auch
keine deutliche Antwort. "Ja, ich habe meinen Prozeß fünf Jahre lang fortgewälzt", sagte der
Kaufmann und senkte den Kopf, "es ist keine kleine Leistung." Dann schwieg er ein
Weilchen. K. horchte, ob Leni nicht schon komme. Einerseits wollte er nicht, daß sie komme,
denn er hatte noch vieles zu fragen und wollte auch nicht von Leni in di esem vertraulichen
Gespräch mit dem Kaufmann angetroffen werden, andererseits aber ärgerte er sich darüber,
daß sie trotz seiner Anwesenheit so lange beim Advokaten blieb, viel länger, als zum Reichen
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