| |
Widerspruch." "Diese Widersprüche sind leicht aufzuklären", sagte der Maler. "Es ist hier
von zwei verschiedenen Dingen die Rede, von dem, was im Gesetz steht, un d von dem, was
ich persönlich erfahren habe, das dürfen Sie nicht verwechseln. Im Gesetz, ich habe es
allerdings nicht gelesen, steht natürlich einerseits, daß der Unschuldige freigesprochen wird,
andererseits steht dort aber nicht, daß die Richter beeinflußt werden können. Nun habe aber
ich gerade das Gegenteil dessen erfahren. Ich weiß von keiner wirklichen Freisprechung,
wohl aber von vielen Beeinflussungen. Es ist natürlich möglich, daß in allen mir bekannten
Fällen keine Unschuld vorhanden war. Aber ist das nicht unwahrscheinl ich? In so vielen
Fällen keine einzige Unschuld? Schon als Kind hörte ich dem Vater genau zu, wenn er zu
Hause von Prozessen erzählte, auch die Richter, die in sein Atelier kamen, erzählten vom
Gericht, man spricht in unseren Kreisen überhaupt von nichts anderem; kaum bekam ich die
Möglichkeit, selbst zu Gerichte zu gehen, nützte ich sie immer aus, unzählbare Prozesse
habe ich in wichtigen Stadien angehört und, soweit sie sichtbar sind, verfolgt, und ich muß
es zugeben nicht einen einzigen wirklichen Freispruch erlebt." "Keinen einzigen Freispruch
also", sagte K., als rede er zu sich selbst und zu seinen Hoffnungen. "Das bestätigt aber die
Meinung, die ich von dem Gericht schon habe. Es ist also auch von dieser Seite zwecklos.
Ein einziger Henker könnte das ganze Gericht ersetzen." "Sie dürfen nicht verallgemeinern",
sagte der Maler unzufrieden, "ich habe ja nur von meinen Erfahrungen gesprochen." "Das
genügt doch", sagte K., "oder haben Sie von Freisprüchen aus früherer Zeit gehört?"
"Solche Freisprüche", antwortete der Maler, "soll es allerdings gegeben haben. Nur ist es
sehr schwer, das festzustellen. Die abschließenden Entscheidungen des Gerichts werden
nicht veröffentlicht, sie sind nicht einmal den Richtern zugänglich, infolgedessen haben sich
über alte Gerichtsfälle nur Legenden erhalten. Diese enthalten allerdings sogar in der
Mehrzahl wirkliche Freisprechungen, man kann sie glauben, nachweisbar sind sie aber nicht.
Trotzdem muß man sie nicht ganz vernachlässigen, eine gewisse Wahrheit enthalten sie wohl
gewiß, auch sind sie sehr schön, ich selbst habe einige Bilder gem alt, die solche Legenden
zum Inhalt haben." "Bloße Legenden ändern meine Meinung nich t", sagte K., "man kann
sich wohl auch vor Gericht auf diese Legenden nicht berufen?" Der Maler lachte. "Nein, das
kann man nicht", sagte er. "Dann ist es nutzlos, darüber zu reden", sagte K., er wollte
vorläufig alle Meinungen des Malers hinnehmen, selbst wenn er sie für unwahrscheinlich hielt
und sie anderen Berichten widersprachen. Er hatte jetzt nicht die Zeit, alles, was der Maler
sagte, auf die Wahrheit hin zu überprüfen oder gar zu widerlegen, es war schon das Äußerste
erreicht, wenn er den Maler dazu bewog, ihm in irgendeiner, sei es auch in einer nicht
entscheidenden Weise zu helfen. Darum sagte er: "Sehen wir also von der wirklichen
Freisprechung ab, Sie erwähnten aber noch zwei andere Möglichkeiten." "Die scheinbare
Freisprechung und die Verschleppung. Um die allein kann es sich handeln", sagte der Maler.
"Wollen Sie aber nicht, ehe wir davon reden, den Rock ausziehen? Es i st Ihnen wohl heiß."
"Ja", sagte K., der bisher auf nichts als auf die Erklärungen des Malers geachtet hatte, dem
aber jetzt, da er an die Hitze erinnert worden war, starker Schweiß auf der Stirn ausbrach.
"Es ist fast unerträglich." Der Maler nickte, als verstehe er K.s Unbehagen sehr gut. "Könnte
man nicht das Fenster öffnen?" fragte K. "Nein", sagte der Maler. "Es ist bloß eine feste
eingesetzte Glasscheibe, man kann es nicht öffnen." Jetzt erkannte K., daß er die ganze Zeit
über darauf gehofft hatte, plötzlich werde der Maler oder er zum F enster gehen und es
aufreißen. Er war darauf vorbereitet, selbst den Nebel mit offenem Mund einzuatmen. Das
Gefühl, hier von der Luft vollständig abgesperrt zu sein, verursachte ihm Schwindel. Er schlug
leicht mit der Hand auf das Federbett neben sich und sagte mit schwacher Stimme: "Das ist
ja unbequem und ungesund." "O nein", sagte der Maler zur Vertei digung seines Fensters,
"dadurch, daß es nicht aufgemacht werden kann, wird, obwohl es nur eine einfache Scheibe
ist, die Wärme hier besser festgehalten als durch ein Doppelfenster. Will ich aber lüften, was
|  |
|
| |
|
|