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sollte er die Geschäfte der Bank besorgen? Sah es nicht aus wie eine Folter, die, vom Gericht
anerkannt, mit dem Prozeß zusammenhing und ihn begleitete? Und würde man etwa in der
Bank bei der Beurteilung seiner Arbeit seine besondere Lage berücksic htigen? Niemand und
niemals. Ganz unbekannt war ja sein Prozeß nicht, wenn es auch noch nicht ganz klar war,
wer davon wußte und wieviel. Bis zum Direktor-Stellvertreter aber war das Gerücht hoffentlich
noch nicht gedrungen, sonst hätte man schon deutlich sehen müssen, wie er es ohne jede
Kollegialität und Menschlichkeit gegen K. ausnützen würde. Und der Direktor? Gewiß, er war
K. gut gesinnt, und er hätte wahrscheinlich, sobald er vom Prozeß erfahren hätte, soweit es
an ihm lag, manche Erleichterungen für K. schaffen wollen, aber er wäre damit gewiß nicht
durchgedrungen, denn er unterlag jetzt, da das Gegengewicht, das K. bisher gebildet hatte,
schwächer zu werden anfing, immer mehr dem Einfluß des Direktor-Stellvertreters, der
außerdem auch den leidenden Zustand des Direktors zur Stärkung der eigenen Macht
ausnützte. Was hatte also K. zu erhoffen? Vielleicht schwächte er durch solche Überlegungen
seine Widerstandskraft, aber es war doch auch notwendig, sich selbst nicht zu täuschen und
alles so klar zu sehen, als es augenblicklich möglich war.
Ohne besonderen Grund, nur um vorläufig noch nicht zum Schreibtisch zurückkehren zu
müssen, öffnete er das Fenster. Es ließ sich nur schwer öffnen, er mußte mit beiden Händen
die Klinke drehen. Dann zog durch das Fenster in dessen ganzer Breite un d Höhe der mit
Rauch vermischte Nebel in das Zimmer und füllte es mit einem leichten Brandgeruch. Auch
einige Schneeflocken wurden hereingeweht. "Ein häßlicher Herbst", sagte hinter K. der
Fabrikant, der vom Direktor-Stellvertreter kommend unbemerkt ins Zimmer getreten war. K.
nickte und sah unruhig auf die Aktentasche des Fabrikanten, aus der dieser nun wohl die
Papiere herausziehen würde, um K. das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Direktor-
Stellvertreter mitzuteilen. Der Fabrikant aber folgte K.s Blick, klopfte auf seine Tasche und
sagte, ohne sie zu öffnen: "Sie wollen hören, wie es ausgefallen ist. Ich trage schon fast den
Geschäftsabschluß in der Tasche. Ein reizender Mensch, Ihr Direktor-Stellvertreter, aber
durchaus nicht ungefährlich." Er lachte, schüttelte K.s Hand und wollte auch ihn zum Lachen
bringen. Aber K. schien es nun wieder verdächtig, daß ihm der Fabrikant die Papier nicht
zeigen wollte, und er fand an der Bemerkung des Fabrikanten nichts zum Lachen. "Herr
Prokurist", sagte der Fabrikant, "Sie leiden wohl unter dem Wetter? Sie sehen heute so
bedrückt aus." "Ja", sagte K. und griff mit der Hand an die Schläfe, "Kopfschmerzen,
Familiensorgen." "Sehr richtig", sagte der Fabrikant, der ein eiliger Mensch war und
niemanden ruhig anhören konnte, "jeder hat sein Kreuz zu tragen." Unwillkürlich hatte K.
einen Schritt gegen die Tür gemacht, als wolle er den Fabrikanten hinausbegleiten, dieser
aber sagte: "Ich hätte, Herr Prokurist, noch eine kleine Mitteilung für Sie. Ich fürchte sehr,
daß ich Sie gerade heute damit vielleicht belästige, aber ich war schon zweimal in der letzten
Zeit bei Ihnen und habe es jedesmal vergessen. Schiebe ich es aber noch weiterhin auf,
verliert es wahrscheinlich vollständig seinen Zweck. Das wäre aber schade, denn im Grunde
ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht wertlos." Ehe K. Zeit hatte zu antworten, trat der
Fabrikant nahe an ihn heran, klopfte mit dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und sagte
leise: "Sie haben einen Prozeß, nicht wahr?" K. trat zurück und rief sofort: "Das hat Ihnen
der Direktor-Stellvertreter gesagt!" "Ach nein", sagte der Fabrikant, "woher sollte denn der
Direktor-Stellvertreter es wissen?" "Und Sie?" fragte K. schon viel gefaßter. "Ich erfahre hie
und da etwas von dem Gericht", sagte der Fabrikant, "das betrifft eben die Mitteilung, die ich
Ihnen machen wollte." "So viel Leute sind mit dem Gericht in Verbindung!" sagte K. mit
gesenktem Kopf und führte den Fabrikanten zum Schreibtisch. Sie setzten sich wieder wie
früher und der Fabrikant sagte: "Es ist leider nicht sehr viel, was ich Ihnen mitteilen kann.
Aber in solchen Dingen soll man nicht das geringste vernachlässigen. Außerdem drängt es
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