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erkennen. "Sie ist stark geschnürt", sagte Leni und zeigte auf die Stelle, wo dies ihrer
Meinung nach zu sehen war. "Sie gefällt mir nicht, sie ist unbeholfen und roh. Vielleicht ist sie
aber Ihnen gegenüber sanft und freundlich, darauf könnte man nach dem Bilde schließen. So
große, starke Mädchen wissen oft nichts anderes, als sanft und fre undlich zu sein. Würde sie
sich aber für Sie opfern können?" "Nein", sagte K., "sie ist weder sanft und freundlich, noch
würde sie sich für mich opfern können. Auch habe ich bisher wed er das eine noch das andere
von ihr verlangt. Ja, ich habe noch nicht einmal das Bild so genau anges ehen wie Sie." "Es
liegt Ihnen also gar nicht viel an ihr", sagte Leni, "sie ist also gar nicht Ihre Geliebte."
"Doch", sagte K. "Ich nehme mein Wort nicht zurück." "Mag sie also jetzt Ihre Geliebte
sein", sagte Leni, "Sie würden sie aber nicht sehr vermissen, wenn Sie sie verlören oder für
jemand anderen, zum Beispiel für mich, eintauschten." "Gewiß", sagte K. lächelnd, "das
wäre denkbar, aber sie hat einen großen Vorteil Ihnen gegenüber , sie weiß nichts von
meinem Prozeß, und selbst wenn sie etwas davon wüßte, würde sie nicht daran denken. Sie
würde mich nicht zur Nachgiebigkeit zu überreden suchen." "Das ist kein Vorteil", sagte
Leni. "Wenn sie keine sonstigen Vorteile hat, verliere ich nicht den Mut. Hat sie irgendeinen
körperlichen Fehler?" "Einen körperlichen Fehler?" fragte K. "Ja", sagte Leni, "ich habe
nämlich einen solchen kleinen Fehler, sehen Sie." Sie spannte den Mittelund Ringfinger ihrer
rechten Hand auseinander, zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum obersten
Gelenk der kurzen Finger reichte. K. merkte im Dunkel nicht gleich, was sie ihm zeigen wollte,
sie führte deshalb seine Hand hin, damit er es abtaste. "Was für ein Naturspiel", sagte K.
und fügte, als er die ganze Hand überblickt hatte, hinzu: "Was für eine hübsche Kralle!" Mit
einer Art Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer wieder ihre zwei Finger auseinanderzog
und zusammenlegte, bis er sie schließlich flüchtig küßte und losließ. "Oh!" rief sie aber
sofort, "Sie haben mich geküßt!" Eilig, mit offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen
Schoß. K. sah fast bestürzt zu ihr auf, jetzt, da sie ihm so nahe war, ging ein bitterer,
aufreizender Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm seinen Kopf an sich, beugte sich
über ihn hinweg und biß und küßte seinen Hals, biß selbst in seine Haare. "Sie haben mich
eingetauscht!" rief sie von Zeit zu Zeit, "sehen Sie, nun haben Sie mich eingetauscht!" Da
glitt ihr Knie aus, mit einem kleinen Schrei fiel sie fast auf den Teppich, K. umfaßte sie, um sie
noch zu halten, und wurde zu ihr hinabgezogen. "Jetzt gehörst du mir", sagte sie.
"Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst", waren i hre letzten Worte, und
ein zielloser Kuß traf ihn noch im Weggehen auf den Rücken. Als er aus dem Haustor trat, fiel
ein leichter Regen, er wollte in die Mitte der Straße gehen, um vielleicht Leni noch beim
Fenster erblicken zu können, da stürzte aus einem Automobil, das vor dem Hause wartete
und das K. in seiner Zerstreutheit gar nicht bemerkt hatte, der Onkel, faßte ihn bei den Armen
und stieß ihn gegen das Haustor, als wolle er ihn dort festnageln. "Junge", rief er, "wie
konntest du nur das tun! Du hast deiner Sache, die auf gutem Wege war, schrecklich
geschadet. Verkriechst dich mit einem kleinen, schmutzigen Ding, das überdies offensichtlich
die Geliebte des Advokaten ist, und bleibst stundenlang weg. Suchst nicht einmal einen
Vorwand, verheimlichst nichts, nein, bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei ihr. Und
unterdessen sitzen wir beisammen, der Onkel, der sich für dich abmüht, der Advokat, der für
dich gewonnen werden soll, der Kanzleidirektor vor allem, dieser große Herr, der deine Sache
in ihrem jetzigen Stadium geradezu beherrscht. Wir wollen beraten, wie dir zu helfen wäre,
ich muß den Advokaten vorsichtig behandeln, dieser wieder den Kanzleidirektor, und du
hättest doch allen Grund, mich wenigstens zu unterstützen. Statt dessen bleibst du fort.
Schließlich läßt es sich nicht verheimlichen, nun, es sind höfliche, gewandte Männer, sie
sprechen nicht davon, sie schonen mich, schließlich können aber au ch sie sich nicht mehr
überwinden, und da sie von der Sache nicht reden können, verstumme n sie. Wir sind
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