| |
Ergebenheit nicht ausdrücken konnte und die Worte des Kanzleidirektor s mit verlegenem,
aber lautem Lachen begleitete. Ein häßlicher Anblick! K. konnte ruhig alles beobachten, denn
um ihn kümmerte sich niemand, der Kanzleidirektor nahm, wie es seine Gewohnheit schien,
da er nun schon einmal hervorgezogen war, die Herrschaft über das Ges präch an sich, der
Advokat, dessen erste Schwäche vielleicht nur dazu hatte dienen solle n, den neuen Besuch
zu vertreiben, hörte aufmerksam, die Hand am Ohre zu, der Onkel als Kerzenträger er
balancierte die Kerze auf seinem Schenkel, der Advokat sah öfter besorgt hin war bald frei
von Verlegenheit und nur noch entzückt, sowohl von der Art der Rede d es Kanzleidirektors
als auch von den sanften, wellenförmigen H
der am Bettpfosten lehnte, wurde vom Kanzleidirektor vielleicht sogar mi t Absicht vollständig
vernachlässigt und diente den alten Herren nur als Zuhörer. Übrigens wußte er kaum, wovon
die Rede war und dachte bald an die Pflegerin und an die schlechte Behan dlung, die sie vom
Onkel erfahren hatte, bald daran, ob er den Kanzleidirektor nicht schon einmal gesehen hatte,
vielleicht sogar in der Versammlung bei seiner ersten Untersuchung. Wenn er sich auch
vielleicht täuschte, so hätte sich doch der Kanzleidirektor den Versammlungsteilnehmern in
der ersten Reihe, den alten Herren mit den schütteren Bärten, vorzüglich eingefügt.
Da ließ ein Lärm aus dem Vorzimmer, wie von zerbrechendem Porzella n, alle aufhorchen.
"Ich will nachsehen, was geschehen ist", sagte K. und ging langsam hinaus, als gebe er den
anderen noch Gelegenheit, ihn zurückzuhalten. Kaum war er ins Vorzimm er getreten und
wollte sich im Dunkel zurechtfinden, als sich auf die Hand, mit der er die Tür noch festhielt,
eine kleine Hand legte, viel kleiner als K.s Hand, und die Tür leise schloß. Es war die
Pflegerin, die hier gewartet hatte. "Es ist nichts geschehen", flüsterte sie, "ich habe nur
einen Teller gegen die Mauer geworfen, um Sie herauszuholen." In seiner Befangenheit
sagte K.: "Ich habe auch an Sie gedacht." "Desto besser", sagte die Pflegerin, "kommen
Sie." Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür aus mattem Glas, welche die Pflegerin
vor K. öffnete. "Treten Sie doch ein", sagte sie. Es war jedenfalls das Arbeitszimmer des
Advokaten; soweit man im Mondlicht sehen konnte, das jetzt nur einen kleinen, viereckigen
Teil des Fußbodens an jedem der drei großen Fenster erhellte, war es mit schweren, alten
Möbelstücken ausgestattet. "Hierher", sagte die Pflegerin und zeigte auf eine dunkle Truhe
mit holzgeschnitzter Lehne. Noch als er sich gesetzt hatte, sah sich K. im Zimmer um, es war
ein hohes, großes Zimmer, die Kundschaft des Armenadvokaten mußte sich hier verloren
vorkommen. K. glaubte, die kleinen Schritte zu sehen, mit denen die Besucher zu dem
gewaltigen Schreibtisch vorrückten. Dann aber vergaß er dies und hatte nur noch Augen für
die Pflegerin, die ganz nahe neben ihm saß und ihn fast an die Seitenlehne drückte. "Ich
dachte", sagte sie, "Sie würden von selbst
rufen müßte. Es war doch merkwürdig. Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintritt
ununterbrochen an und dann ließen Sie mich warten. Nennen Sie mich übrigens Leni", fügte
sie noch rasch und unvermittelt zu, als solle kein Augenblick dieser Aussprache versäumt
werden. "Gern", sagte K., "Was aber die Merkwürdigkeit betrifft, Leni, so ist sie leicht zu
erklären. Erstens mußte ich doch das Geschwätz der alten Herren anhören und konnte nicht
grundlos weglaufen, zweitens aber bin ich nicht frech, sondern eher schüchtern, und auch
Sie, Leni, sahen wahrhaftig nicht so aus, als ob Sie in einem Sprung zu gewinnen wären."
"Das ist es nicht", sagte Leni, legte den Arm über die Lehne un d sah K. an, "aber ich gefiel
Ihnen nicht und gefalle Ihnen auch wahrscheinlich jetzt nicht." "Gefallen wäre ja nicht viel",
sagte K. ausweichend. "Oh!" sagte sie lächelnd und gewann durch K.s Bemerkung und
diesen kleinen Ausruf eine gewisse Überlegenheit. Deshalb schwieg K. ein Weilchen. Da er
sich an das Dunkel im Zimmer schon gewöhnt hatte, konnte er verschiedene Einzelheiten der
Einrichtung unterscheiden. Besonders fiel ihm ein großes Bild auf, da s rechts von der Tür
|  |
|
| |
|
|