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vergessen, es Euch damals zu schreiben, erst jetzt, da Ihr mich fragt, erinnere ich mich
daran. Schokolade, müßt Ihr wissen, verschwindet nämlich in der Pension sofort, kaum ist
man zum Bewußtsein dessen gekommen, daß man mit Schokolade beschen kt worden ist, ist
sie auch schon weg. Aber was Josef betrifft, wollte ich Euch noch etwas sagen. Wie erwähnt,
wurde ich in der Bank nicht zu ihm vorgelassen, weil er gerade mit einem Herrn verhandelte.
Nachdem ich eine Zeitlang ruhig gewartet hatte, fragte ich einen Diener, ob die Verhandlung
noch lange dauern werde. Er sagte, das dürfte wohl sein, denn es handle sich wahrscheinlich
um den Prozeß, der gegen den Herrn Prokuristen geführt werde. Ich fragte, was denn das für
ein Prozeß sei, ob er sich nicht irre, er aber sagte, er irre sich nicht, es sei ein Prozeß, und
zwar ein schwerer Prozeß, mehr aber wisse er nicht. Er selbst möchte dem Herrn Prokuristen
gerne helfen, denn dieser sei ein guter und gerechter Herr, aber er wisse nicht, wie er es
anfangen sollte, und er möchte nur wünschen, daß sich einflußreiche Herren seiner
annehmen würden. Dies werde auch sicher geschehen, und es werde schließlich ein gutes
Ende nehmen, vorläufig aber stehe es, wie er aus der Laune des Herrn Prokuristen
entnehmen könne, gar nicht gut. Ich legte diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung bei,
suchte auch den einfältigen Diener zu beruhigen, verbot ihm, anderen gegenüber davon zu
sprechen, und halte das Ganze für ein Geschwätz. Trotzdem wäre es vielleicht gut, wenn Du,
liebster Vater, bei Deinem nächsten Besuch der Sache nachgehen wolltest, es wird Dir leicht
sein, Genaueres zu erfahren und, wenn es wirklich nötig sein sollte, durch Deine großen,
einflußreichen Bekanntschaften einzugreifen. Sollte es aber nicht nötig sein, was ja das
wahrscheinlichste ist, so wird es wenigstens Deiner Tochter bald Gelegenheit geben, Dich zu
umarmen, was sie freuen würde. Ein gutes Kind", sagte der Onkel, als er die Vorlesung
beendet hatte, und wischte einige Tränen aus den Augen fort. K. nickte, er hatte infolge der
verschiedenen Störungen der letzten Zeit vollständig Erna vergessen, sogar ihren Geburtstag
hatte er vergessen, und die Geschichte von der Schokolade war offenbar nur zu dem Zweck
erfunden, um ihn vor Onkel und Tante in Schutz zu nehmen. Es war sehr rührend, und mit
den Theaterkarten, die er ihr von jetzt ab regelmäßig schicken wollte, gewiß nicht genügend
belohnt, aber zu Besuchen in der Pension und zu Unterhaltungen mit einer kleinen
achtzehnjährigen Gymnasiastin fühlte er sich jetzt nicht geeignet. "Und was sagst du jetzt?"
fragte der Onkel, der durch den Brief alle Eile und Aufregung vergessen hatte und ihn noch
einmal zu lesen schien. "Ja, Onkel", sagte K., "es ist wahr." "Wahr?" rief der Onkel. "Was
ist wahr? Wie kann es denn wahr sein? Was für ein Prozeß? Doch nic ht ein Strafprozeß?"
"Ein Strafprozeß", antwortete K. "Und du sitzt ruhig hier und hast einen Strafprozeß auf dem
Halse?" rief der Onkel, der immer lauter wurde. "Je ruhiger ich bin, desto besser ist es für
den Ausgang", sagte K. müde, "fürchte nichts." "Das kann mich nicht beruhigen!" rief der
Onkel, "Josef, lieber Josef, denke an dich, an deine Verwandten, an u nsern guten Namen!
Du warst bisher unsere Ehre, du darfst nicht unsere Schande werden. Deine Haltung", er sah
K. mit schief geneigtem Kopfe an, "gefallt mir nicht, so verhält sich kein unschuldig
Angeklagter, der noch bei Kräften ist. Sag mir nur schnell, worum es sich handelt, damit ich
dir helfen kann. Es handelt sich natürlich um die Bank?" "Nein", sagte K. und stand auf, "du
sprichst aber zu laut, lieber Onkel, der Diener steht wahrscheinlich an der Tür und horcht.
Das ist mir unangenehm. Wir wollen lieber weggehen. Ich werde dir dann a lle Fragen, so gut
es geht, beantworten. Ich weiß sehr gut, daß ich der Familie Reche nschaft schuldig bin."
"Richtig!" schrie der Onkel, "sehr richtig, beeile dich nur, Josef, beeile dich!" "Ich muß nur
noch einige Aufträge geben", sagte K. und berief telephonisch sein en Vertreter zu sich, der in
wenigen Augenblicken eintrat. Der Onkel, in seiner Aufregung, zeigte ihm mit der Hand, daß
K. ihn habe rufen lassen, woran auch sonst kein Zweifel gewesen wäre. K., der vor dem
Schreibtisch stand, erklärte dem jungen Mann, der kühl, aber aufmerksam zuhörte, mit leiser
Stimme unter Zuhilfenahme verschiedener Schriftstücke, was in seiner Abwesenheit heute
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